Eigene Erfahrungen

Was ist Hochbegabung

Sehr spät habe ich erst erfahren, was Hochbegabung bei Kindern bedeutet und dass man diesen Kindern helfen muss, um psychische und psychosomatische Krankheiten den Kindern zu ersparen.

Schon nach der Geburt war zu merken, dass Alyssa "anders" war. Die Kinderchwester teilte mir gleich mit, dass sie so ein Kind noch nie hatten. Kein Neugeborenes könne seinen Kopf von alleine halten, schon gar nicht die Ärmchen aufstützen. Wenn man Alyssa auf den Arm nahm und über die Schulter legte, war sie auch nur am gucken. Als der Kinderarzt bei der U3 Alyssa an den Händen fasste, zog sie sich hoch. Im Mutterpass dann vermerkte der Arzt "Hypotonie" und ich müsse mit dem Kind zu einer Bewegungstherapie gehen, da sie Muskelverkrampfungen hätte. Meinem Bericht, dass Alyssa sich hochzieht und ansonsten auch schon weiter ist, hat er wohl als Spinnerei einer zu stolzen Mutter abgetan. Nur soviel - sie raste durch ihre Kindheit durch, konnte alles früher als andere Kinder.

Hier ein paar kleine Ausschnitte: Mit vier Monaten schon konnte sich Alyssa selbstständig drehen, mit fünf Monaten selbstständig sitzen. Mit sechs Monaten konnte Alyssa krabbeln, mit neun stehen, mit zehn Monaten fing sie an zu laufen. Nur mit dem Sprechen war sie verzögert, das ließ noch auf sich warten. Ich fiel sowieso schon mit meinem Kind auf, und bekam zu hören, dass ich ihr das frühe sitzen und krabbeln mit aller Gewalt beigebracht hätte, ich wüsste ja gar nicht, was ich meinem Kind antue. Gleichzeitig wie ein roter Faden zog sich auch die Kritik von Mitmenschen durch die Entwicklung von Alyssa. Selbst die eigene Familie und mein Mann meinten, ich würde etwas mit Alyssa anstellen und sie trainieren. Auch heute noch muss ich mir anhören, "du willst aus Deinen Kindern doch nur was besonderes machen!"

Als Alyssa mit einem Jahr ihre ersten Bilder malte, war das kein Gekritzel mit der Faust, sondern sie nahm den Stift richtig in die Hand und malte, wie ich es ihr gezeigt hatte, Strichmännchen. Mir war damals noch nicht bewusst, dass dies nicht "normal" war. Zum Vergleich hatte ich zwar Kinder aus der Krabbelgruppe, aber darüber hat man sich nicht unterhalten.

Als Alyssa zwei Jahre alt war, musste ich mich einer Kieferoperation unterziehen. Alyssa kam zu den Großeltern nach Norddeutschland. Da meine Eltern auch wenig Zeit hatten, kam sie als Gastkind in einen Kindergarten. Normalerweise ist das erst ab drei Jahren möglich, aber der Kindergarten machte eine Ausnahme. Alyssa ging sehr gerne in diesen Kindergarten und durfte sechs Wochen dort bleiben. Die Erzieherinnen waren überrascht, was Alyssa so alles konnte und wusste. Sie war sogar den fünfjährigen in einigen Dingen voraus.

Als Alyssa dreieinhalb war, kam ihre Schwester Melina zur Welt. Ich habe Alyssa ganz genau erklären müssen, wie das Baby in meinem Bauch wächst. Eine große Hilfe war dabei das Buch "Hallo, hier bin ich". Doch das reichte ihr nicht, ich musste ihr jeden Monat in einem anderen Buch zeigen, wie das Baby jetzt aussieht. Sie wollte auch wissen, wo die Menschen überhaupt herkommen. Mit Adam und Eva brauchte ich gar nicht erst anfangen. Da ich mich selbst schon in der Kindheit damit befasst hatte, habe ich einige Bücher über die Frühmenschen. So las ich meiner Tochter weniger Märchen vor, sondern diese "Fachbücher". Es blieb nicht beim Lesen, sie wollte auch darüber diskutieren.

Alyssa war sehr wissbegierig und gab sich nie mit einfachen Erklärungen zufrieden. Mit gleichaltrigen Kindern konnte Alyssa nichts anfangen und spielte lieber mit älteren Kindern oder wollte immer in der Nähe von Erwachsenen sein. Immer mehr stieß sie bei den Erwachsenen auf Unverständnis für ihr Verhalten. Anfangs waren wir am Überlegen, ob wir Alyssa früher zur Schule schicken sollten, aber ich dachte mir immer, sie solle lieber noch ein Jahr länger ihre Kindheit im Kindergarten genießen. Heute weiß ich, dass dies ein großer Fehler war.

Die Schule langweilte Alyssa sehr schnell. In der zweiten Klasse dann ließen wir Alyssa testen. Das Ergebnis war Hochbegabung. Toll, und nun? Von der Psychologin bekamen wir nur ein Infoblatt für ein Internat in der Nähe von München. Das wollten wir nun wirklich nicht. Die Lehrer gaben sich wirklich Mühe, Alyssa mit Extraaufgaben zufrieden zu stellen. Sie musste aber dennoch häufig im Unterricht gebremst werden, da sie die Mitschüler mit ihrem Wissen und ihren logischen Schlussfolgerungen überforderte. Einmal ist sie sogar aus dem Unterricht geflogen, weil sie der Lehrerin erklärt hatte, dass sie dieses und jenes am Computer völlig falsch mache und ihr dann, vor den anderen Kindern natürlich, zeigte wie es richtig geht und was man dann noch alles machen kann. Von da an musste sich Alyssa mächtig zurückhalten.

Im Januar 2002 las ich einen kurzen Artikel in der Zeitung, dass ein Vortrag stattfinden würde "Hochbegabte Kinder erkennen und fördern" vom Verein Hochbegabtenförderung e.V.

Bitte auch mal nachschauen unter http://www.hbf-ev.de.

Ich bedaure es sehr, nicht schon früher auf diesen Vortrag gestoßen zu sein. Als die Referentin den Leidensweg von unerkannt hochbegabten Kindern beschrieb, musste ich mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Ich dachte, sie beschrieb mich. Vieles kam hoch und wurde wieder zur Erinnerung, was verschüttet war. Es tat so weh! Ich las später im Internet, dass es "normal" sei für Hochbegabte, um den Schmerz nicht ertragen zu müssen, einfach zu vergessen! Und ich dachte immer, mit mir stimmt etwas nicht, weil mir viele Erinnerungen, die meine Schwester z.B. an unsere Kindheit hat, fehlen.

Nun kam nach diesem Vortrag vieles hoch. Mir ging es danach sehr lange psychisch schlecht und ich musste Hilfe aufsuchen, um das ganze zu verarbeiten. Deshalb möchte ich mich jetzt nicht nur für meine Tochter, sondern allgemein um die Aufklärungsarbeit in der Hochbegabtenförderung einsetzen.

Alyssa besucht nun einen Kurs der Hochbegabtenförderung und lernt Chinesisch. Seitdem sie diesen Kurs besucht, hat sie nur noch selten Migräne. Sie litt unter der Unterforderung, obwohl sie auf das Gymnasium geht. Dort langweilt sie sich aber schon wieder. Ein Gespräch mit dem Klassenleiter brachte eigentlich nichts. Ich initiierte bei uns im Ort den Vortrag über Hochbegabte und lud den Lehrer ein. Es freute mich, dass er diesen Vortrag besuchte, fand es aber schade, dass er nach dem Vortrag nicht mehr zur Diskussionsrunde blieb. Gerade in dieser Diskussionsrunde hat man eigentlich noch mehr erfahren, als in dem eigentlichen Vortrag. Zugute halten muss ich ihm allerdings, dass die Referentin schon sehr auf die Lehrer geschimpft hat, und er deshalb ging. Jedoch habe ich eigentlich von ihm ein Gespräch erwartet, um einen weiteren Weg für Alyssa zu finden. Wobei Alyssa nicht das einzige hochbegabte Kind in der Klasse ist, wie sich nach einem Elternstammtisch herausstellte. Auch die anderen hochbegabten Kinder haben die ähnliche Probleme in der Klasse wie Alyssa.

Wir versuchen Alyssa eben so gut und wie es uns finanziell möglich ist, zu fördern. Sie spielt sechs Instrumente und geht deshalb auch auf ein Musisches Gymnasium. Was mich eigentlich ärgert, ist, dass für Minderbegabte Kinder vieles getan wird und auch Therapien finanziert werden. Ist ein Kind aber auf der anderen Seite, muss man die Kosten selbst tragen. Man kann noch so oft betonen, dass diese Kinder sonst krank werden, dass man diese Fördermaßnahmen nicht aus Ehrgeiz macht. Ich muss mir immer noch anhören, dass wir Alyssa überfordern, dass ja wohl ein Instrument reichen würde etc. Im Moment lernt Alyssa noch Geige dazu.

 
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