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Ritalin - Märchen |
Brief an den vortragenden Kinderarzt Dr. XX zu dem Thema "ADS", veranstaltet von der AOK
Hallo Herr Dr. XX,
zunächst möchte ich mich erst einmal dafür entschuldigen, dass ich gestern Ihre Kompetenz untergraben habe. Aber, ehrlich gesagt, war der Vortrag gestern etwas oberflächlich. Andererseits hat es mich gewundert, dass in der anschließenden Diskussionsrunde nicht mehr Fragen seitens der Eltern kamen. Ich unterhielt mich im Anschluss noch mit einer Mutter, die völlig verzweifelt war. Ihr Sohn ist zur Zeit in Augsburg in der Jugendpsychiatrie, er wurde von der Schule ausgeschlossen! Es müsste meiner Meinung nach noch einmal ein Vortrag stattfinden, der auch die rechtlichen Seiten für Eltern von ADS´lern erläutert. Unbekannt ist meistens auch, dass die Eltern z.B. den Behindertenstatus beantragen können. Wenn Probleme mit der Schule auftreten, sind die Eltern meistens sehr hilflos gegenüber den Lehrern. Eine Zusammenarbeit, wie Sie in Ihrem Schema gezeigt haben, ist unheimlich wichtig. Wie in Ihrem geschilderten Tagesablauf eines ADHS´lers zu sehen, sind die Lehrer häufig mit dieser Situation überfordert. Da ich mich notgedrungenermaßen mit dem Thema ADS/ADHS wegen Melina auseinander setzen muss, habe ich mich in den letzten anderthalb Jahren intensiv damit beschäftigt. Allerdings bin ich auch ein Mensch, der sich nie mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Für mich gibt es immer mehr als eine Lösung oder einen Weg. In dem Sinne bin ich ein Verkehrsrowdi, der entgegengesetzt der Einbahnstraße fährt. Es ist mir auch ein großes Anliegen, anderen Eltern mit unseren Erfahrungen zu helfen.
Einfach ist es nicht, da wir eben einen etwas unkonventionellen Weg gehen. Nun möchte ich nochmals auf das Thema Fernsehen zurückkommen. Als wir das Zwischengespräch bei Frau Dr. YY hatten, riet sie uns, Melina auf die Förderschule zu schicken, da sie für eine normale Schule nicht geeignet sei. Zu diesem Zeitpunkt stand noch ein Test aus und ein Test musste wiederholt werden, weil Melina nicht in der Lage war, ihn auszuführen. Das war im Oktober/November 2001. Die noch austehenden Tests sollten nach den Herbstferien gemacht werden. Ich fuhr in dieser einen Woche zu meinen Eltern nach Norddeutschland, da es meinem Vater gesundheitlich sehr schlecht ging. In dieser Woche schaute Melina überhaupt kein Fernsehen. Leider verstarb mein Vater am 2. November, einem Freitag. Am Sonnabend mussten wir mit dem Zug wieder zurückfahren, da am Montag die Schule wieder begann. Der Tod des Opas war ein Schock für die Kinder. Am Dienstag dann mussten die Tests gemacht werden. Ich war mir sicher, dass diese Tests "in die Hose gingen", da Melina so kurz nach dem Tod des Opas meiner Meinung nach nicht dazu in der Lage war. Ein paar Tage später hatten wir dann das Abschlussgespräch. Einleitend teilte uns Frau Dr. YY, dass sie mit den Testergebnissen nichts anfangen könne, da sie sich grundlegend von den anderen unterschieden. Sie waren sehr gut ausgefallen. Sie konnte sich das nicht erklären, aber immerhin bestand nicht mehr die Empfehlung, Melina auf die Förderschule zu schicken. Meine Schilderungen mit dem Fernsehen, tat sie mit der Floskel ab "dann müssen Sie eben aufpassen, was sie schaut". Sie verstand nicht, was ich ihr sagen wollte.
Durch eine Bekannte sind wir dann zu dem Kinderarzt in Kempten gekommen. Dr. Z in der Praxis von Dr. W. Positiv war schon, dass er für uns Eltern sich eine Stunde Zeit nahm, fast ebensoviel nochmals für Melina. Meine Schilderungen mit dem Fernsehen nahm er sehr ernst und erklärte uns dann auch, warum das Fernsehen so schädlich für diese Kinder sei. Endlich stieß ich mal nicht auf taube Ohren und fühlte mich verstanden und bestätigt. Ich möchte mich dazu jetzt nicht näher auslassen, aber ich möchte Ihnen das Buch "Der gefrorene Blick" von Rainer Patzlaff empfehlen zu lesen (empfohlen auch von Dr. Z.). Ich hatte es mir auch nur ausgeliehen.
Es war nicht einfach, Melina vom Fernsehen "abzuhalten". Wir waren nun noch verstärkt als Familie gefordert und mussten ihr natürlich Alternativen bieten. Meinem Mann fiel es besonders schwer, sich auf einmal intensiver mit den Kindern zu beschäftigen. Wir spielten nun vermehrt Gesellschaftsspiele mit den Kindern, statt wie gewohnt abends vor dem Fernseher zu hocken. Mein Mann sah überhaupt keinen Sinn darin und tat die Erklärungen von Dr. Z. als "Blödsinn" ab.
Es dauerte aber auch noch einige Wochen, bis "Besserung" in Melinas schulischen Leistungen und in ihrem Verhalten zu bemerken war. Aber, es war schon erstaunlich. Wie ich Ihnen gestern auch schon schilderte, verbesserte sich ihr Schriftbild total. Die Lehrerin kam mit ihr sehr gut zurecht. Vorher hatte sie sich völlig verweigert im Unterricht, war aggressiv, tobte durch das Klassenzimmer. Sie war weder Zuhause noch in der Schule in der Lage, irgendwelche Anweisungen zu befolgen.
Heute geht es Melina, mit kleinen Ausrutschern, sehr gut. In der Schule ist sie eine der besten. Probleme gab es noch lange mit dem Lesen und Schreiben. Die Lehrerin vermutete eine Lese- Rechtschreibschwäche. Durch das Internet bin ich dann auf das Buch "Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders" (gibt´s bei Amazon oder ebay) gestoßen und habe es mir gleich besorgt. Jetzt arbeite ich mit der Lehrerin anhand diese Buches zusammen. Diktate mit 16 bis 20 Fehlern waren früher keine Seltenheit, heute hat sie nur noch maximal 4 Fehler in den Diktaten. Auch verweigert sie sich durch diese Erfolge nicht mehr beim Lesen. Erfolge sind ganz wichtig für diese Kinder, die bisher ja nur Misserfolge kannten. Sie erhalten durch die Erfolge mehr Selbstvertrauen und trauen sich auch endlich mal etwas zu. Solch eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrern erträumen sich bestimmt viele Eltern, es sind aber leider nicht alle Lehrkräfte so aufgeschlossen.
Dies war nun ersteinmal meine Beschreibung unseres etwas unkonventionellen Weges, der nicht immer auf Verständnis und Akzeptanz stößt in unserem Umfeld. Eine befreundete Familie z.B. lehnt es völlig ab, es wenigstens mal mit dem Nicht-fernsehen auszuprobieren und meinen, mit Ritalin haben sie doch das gleiche Ergebnis. Wo bleibt da die Verantwortlichkeit dem Kind gegenüber? Es wäre doch möglich, dass durch diese Auszeit das Kind dann diese Kankheit nicht noch in das Erwachsenenleben mitnehmen muss. Für mich wäre es nur allzu logisch. Wenn die ständige Reizüberflutung reduziert wird, könnte ich mir vorstellen, dass sich die Stoffwechselstörung normalisiert. Ich stelle es mir so vor, dass, wenn meine Bauchspeicheldrüse z.B. zuviel Insulin produziert aufgrund der Tatsache, dass ich zuviel Kohlenhydrate aufnehme, ich dann die "schlechten" Kohlenhydrate (Zucker, Weißmehl, Weißbrot, Nutella&Co, etc) weglassen muss, damit sich meine Bauchspeicheldrüse erholen kann. Auch dies ist eine Stoffwechselstörung eines Organs.
Mit Sicherheit ist es kein Allheilmittel, die Kinder auf das Fernsehen und den Computer verzichten zu lassen. Das Fernsehen ist sicher auch nicht der Auslöser von ADHS, sonst wären sie nicht schon als Babys so anstrengend, aber das Fernsehen ist mit Sicherheit ein Symptomverstärker.
Herzliche Grüße
Sabine Hartmann
Erklärungen zum Brief
Um einiges zu erklären. Bei diesem Vortrag wurde zur Diskussion aufgefordert, und ich war in der irrigen Annahme, dass damit auch Austausch gemeint war. Ich meldete mich und fing an, alles was ich meinte, was der vortragende Arzt nicht erzählt hatte, jetzt den Leuten mitteilen zu müssen. Das war ziemlich dumm von mir, denn mir wurde sofort das Wort abgeschnitten. Mir kam der Vortrag vor, wie "sponsored by Ritalin". Denn auf Fragen von Eltern nach Alternativen wurde nicht eingegangen oder, bei speziellen Fragen zu Ergotherapie, Verhaltenstherapie etc. wurde erläutert, dass es keine wissenschaftlichen Beweise gäbe, dass diese Therapien helfen würden! Darüber war ich natürlich ziemlich sauer, und wollte eben erläutern, was diese Therapien bewirken, speziell Ergotherapie und Heileurythmie. Ich unternahm noch einen zweiten Anlauf und wollte auf Büchertipps und Internetseiten eingehen. Wieder wurde ich abgewürgt. Deshalb suchte ich dann das persönliche Gespräch nach dem Vortrag mit dem Kinderarzt. Er schlug mir dann vor, dass ich ihm in einem Brief die Infos zukommen lassen könnte und er dann Büchertipps etc. an betroffene Eltern weiterleiten würde.
Im übrigen bekam ich auf meinen Brief nie eine Antwort.
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