Schule, hausgemachtes
Pisa-Dilemma

Ritalin - Märchen

"Es ist unvorstellbar, welche seelische Not diese Kinder erleiden, ohne dass ihnen angemessen geholfen wird" sagte die Mitarbeiterin einer psychologischen Beratungsstelle im Rhein-Main-Gebiet.

Die meisten Lehrer wissen nicht, wie sie mit ADS/ADHS betroffenen Kindern umgehen sollen. Sie ekeln sie aus ihren Klassen hinaus in die nächst untere Schulstufe. So geht es weiter, bis sie schließlich, wenn sie auf einer weiterführenden Schule waren, in der Hauptschule landen, wo dann die nächsten Lehrer irgendwie mit ihnen zurechtkommen müssen, weil sie keine Alternativen haben. Die Sonderschulzuweisung erhalten diese Kinder meist nicht, weil dies über einen IQ-Test läuft und sie meist recht intelligent sind, wenn nicht sogar hochbegabt. Sicher gibt es einige Lehrer, die sich besonders für diese Kinder einsetzen und es gibt glücklicherweise auch schon Fortbildungsmaßnahmen über ADS/ADHS für Lehrer, doch ist dies leider noch viel zu selten. Schließlich sind es nämlich weniger die ursprüngliche Störung, die diese Kinder so schwierig im Umgang macht, sonder die "Sekundärschäden", die Lehrer und Eltern durch Unkenntnis und ihr falsches Verhalten den Kindern gegenüber anrichten.

Unsere Schulen werden diesen Kindern nicht gerecht. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinderärzte, Heilädagogische Ambulanzen und Tagesstätten bemühen sich, den betroffenen Kindern zu helfen. Auch ihnen ist es aber offensichtlich bisher nicht gelungen, die Erkenntnis über das Phänomen ADS soweit voranzutreiben, dass für die Schulen eine brauchbare Strategie dabei herausgekommen wäre. (Siehe dazu auch meinen Buchtipp "Zappelphilipp und Störenfrieda lernen anders").


Zum Erscheinungsbild ADS

ADS-Kinder sind deshalb schwierig im Umgang, weil sie oft nicht fähig sind, auf ihre Umgebung angemessen zu reagieren. Sie können ihre Reaktionen nicht steuern, sind zu laut, reagieren über und geraten mit ihren Mitschülern dadurch schnell in Konflikt, und natürlich erst recht mit den Lehrern. Gehorchen fällt ihnen schwer. Viele von ihnen zeigen Teilleistungsschwächen beim Schreiben, Lesen oder Rechnen. Eine unruhige Umgebung steigert ihre Probleme noch, da sie sich gegenüber Reizen der Umwelt nicht genügend abschirmen können. (Siehe dazu meinen Buchvorschlag "Der gefrorene Blick). Viele von ihnen sind chronisch unkonzentriert. Individuell können die Symptome sehr verschiedene Äußerungsformen annehmen und sie schwanken auch je nach Tagesform. Bei Müdigkeit steigern sie sich ins Unerträgliche. Gerade wegen dieser Schwankungen ist ADS auch für die betroffenen Erzieher schwer zu durchschauen. Deshalb denkt man auch oft "das Kind könnte doch, wenn es nur wollte". Genau dies aber trifft bei ADS nicht zu. ADS ist, da stimmen die inzwischen weltweit zu diesem Phänomen gewonnenen Erkenntnisse überein, veranlagungsbedingt, es gehört somit zur Konstitution des betreffenden Kindes und ist keine Sache von Verhalten oder gar Erziehung. Freilich können ungünstige Bedingungen im Elternhaus wie unrythmische Tagesabläufe, Inkonsequenz oder emotionale Überreaktionen das Problem noch verschärfen. Oft ist übrigens auch ein Elternteil von ADS betroffen, was den Umgang mit dem Syndrom dann nicht gerade erleichtert. Eine besondere Variante stellt ADS ohne die bekannten Unruhesymptome dar und wird dann meist noch weniger erkannt als die typische "hyperaktive" Form. Dies sind Kinder, die still und verträumt erscheinen, sich dauerhaft schlecht konzentrieren können und oft Teilleistungsschwächen bei Schreiben, Lesen oder Rechnen zeigen. Meist sind Mädchen die Stillen und Verträumten. Man kann sich denken, dass diese übersensiblen stillen Kinder noch eher am falschen Verhalten ihrer Umwelt zerbrechen können als ihre "zappeligen" Kollegen, die meistens alles, was ihnen zuviel wird, über ihr Verhalten an die Umwelt abgeben.

Aber Achtung: viele von diesen Symptomen treffen auch auf hochbegabte Kinder zu. Gerade Mädchen werden still und verträumt, um nicht noch mehr aufzufallen. Siehe dazu auch meinen Link "Hochbegabung".



Medikation um welchen Preis?

Nun ist sicherlich nicht jedes unruhige und dauernd unkonzentrierte Kind ein ADS-Kind. Nervöse Kinder, die nicht-kindgemäßen Lebensbedingungen ausgesetzt sind, zeigen oft ganz ähnliche Symptome wie ADS-Kinder. Angesichts der durch die Medien angeregten populärwissenschaftliche Behandlung des Themas in den letzten Jahren taten die anthroposophisch orientierten Fachleute auf jeden Fall recht daran, individuell vorzugehen und Kinder nicht vorschnell mit dem entsprechenden diagnostischen Stempel zu versehen. Eine gründliche Aufklärung kann nur durch einen Neurologen abgegeben werden. Die so gestellte Diagnose bringt die betroffenen Eltern in Zwiespalt und für die Kinder die Gefahr schneller "Lösungen" aus dem Arzneischrank mit sich.

"Na, der ist halt hyperaktiv", heißt es im Umfeld der Familien, meist mit deinem mitleidvollem Blick auf die betroffene Mutter, deren täglichen Frust mit dem anstrengenden Kind man ja dauernd mitbekommt. Schnell wird dann auch die aus den Fensehsendungen bekannte und derzeit immer noch gebrächliche Abhilfe - Medikamente wie Ritalin, Meth..... - ins Feld geführt nach dem Motto: "Lass ihm das doch mal verschreiben, dann ist Ruhe". Leider verschreiben die Ärzte diese Medikamente immer häufiger. Sogar auf Vorträgen der AOK wird für Ritalin geworben, mit schönen Schaubildern des Schriftbildes nach dem Motto "vorher/nachher". Alternative Ansätze werden als nicht wissenschaftlich bestätigt abgetan.

Den Leidensweg der betreffenden Mütter, die keine Hilfen für den Umgang mit ihren Kindern finden und oft noch dazu angesichts des non-konformen Verhaltens ihrer Sprößlinge als unfähige Erziehungspersonen (dem/der gehört nur mal ordentlich der Hintern versohlt) diskriminiert werden, kann man sich denken.

Hilfe statt Ausgrenzung tut also not. Wie aber kann effiziente Hilfe aussehen? Mit den bisher üblichen Medikamenten werden die Kinder an das bestehende Schulsystem angepasst und funktionieren irgendwie wieder. Das ist für die Institutionen bequem, denn sie können so bleiben wie sie sind!

Die Frage, was an den Schulen geändert werden müsste, - auch, welche Hilfen sie bekommen müssten - um mit all den neueren pädagogischen Problemen wie Legasthenie, ADS oder Konzentrationsschwäche angemessen umgehen zu können, wird nicht gestellt. Sie muss aber gestellt werden! Ein Schritt dazu wäre die schnellstmögliche Aufarbeitung der neueren Publikationen zum Thema ADS mit dem Ziel, Hilfen für die Lehrer im Umgang mit den ADS-Kindern zu entwickeln, oder besser noch, unser Schulsystem von Grund auf zu ändern!

Ronald D. Davis geht in seinem Buch "Legasthenie als Talentsignal" davon aus, dass diese Lernstörung wie auch ADS kein Defizit ist, sondern einfach eine andere Wahrnehmungsstruktur bei den betroffenen Menschen ist. Oft sind dies auch Menschen die in Bildern und nicht in Worten denken. (siehe dazu Tabelle über rechtshämispherisches und linkshämispherisches Denken auf meinem Link Hochbegabung). Nimmt man die Thesen von Davis ernst und beginnt darüber nachzudenken, welche Konsequenzen daraus für unser Schulsystem gezogen werden müssten, merk man, dass aus dem Dunkel der ungelösten pädagogischen Probleme unserer Zeit das Licht einer uns noch unbekannten Zukunft aufscheint. (Siehe dazu auch Buchtipp: "Zappelphillip und Störenfrieda lernen anders").

Der geschilderte Leidensweg der ADS-Kinder zeigt, dass es höchste Zeit ist, auzuhorchen.

Wie Kinder rechnen

Manchmal ist es gar nicht so einfach, die Kreativität von Kindern wirklich zu erkennen. Zum Beispiel im Mathematikunterricht. Diese Aufgabe bekam die neunjährige Annika in einer Klassenarbeit gestellt: "Der Apotheker füllt 1,750 kg Salmiakpastillen in Tüten zu je 50 g.

Frage: Wie viele Tüten erhält er?" Annikas Lösungsweg:
1,750 kg : 50 g = 35
2 x 7 =14
1 x 1 = 1
2 x 10 =20

Die Lösung stimmt, aber der Rechenweg ist auf den ersten Blick nur schwer zu durchschauen. Doch Annika hat sich etwas Cleveres dabei gedacht. Nämlich, dass 100g zwei 50g-Tüten entsprechen. 700g bedeutet also 2 x 7 = 14 Tüten. Die 50g drückt sie durch 1 x 1 = 1 aus. Die Anzahl der Tüten für die restlichen 1.000g berechnet sie entsprechend als 2 x 10 = 20. Dann addiert sie 14 + 1 + 20 und kommt zum Ergebnis 35.
Ganz schön clever!

Viele Wege führen zum Ziel! Gerade in der Mathematik herrscht die Auffassung vor, dass es für jede Aufgabe einen ganz bestimmten Lösungsweg gibt. Dabei führen oft viele Wege zum Ziel.
Nehmen Sie zum Beispiel die Aufgabe 63 - x = 37. Wie würdest Du das rechnen? Die Wissenschaftler Hartmut Spiegel und Christoph Selter haben mehrere hundert Erwachsene gebeten, ihre Rechenwege festzuhalten. Es ergaben sich sage und schreibe 19 verschiedene Möglichkeiten. Sieben davon habe ich aufgeschrieben:



1. 63-23=40 40-3=37   x=23+3=26
2. 63-6=57 57-20=37   x=6+20=26
3. 63-30=33 33+4=37   x=30-4=26
4. 37+3=40 40+20=60 60+3=63 x=3+20+3=26
5. 37+20=57 57+6=63   x=20+6=26
6. 60-30=33 33-7=26   x=26
7. 63-40=23 23+3=26   x=26


Was für Erwachsene gilt, trifft natürlich auch für Kinder zu. Kinder sind unterschiedlich, und sie denken unterschiedlich. Und die Vielfalt ihres Denkens muss im Unterricht Beachtung finden. Wie ist dieser Lösungsweg jetzt zu verstehen? Ein Lehrer wäre sehr irritiert und könnte damit höchstwahrscheinlich wenig anfangen. Die Lösung stimmt, aber nicht der von ihm erwartete Rechenweg - also - Thema verfehlt - Punktabzug!

Lehrer müssen diese Kreativität erkennen und unterstützen.

Gerade die ADS-Kinder und hochbegabte Kinder haben häufig solch kreative Lösungsansätze, die aber von Lehrern nicht erkannt werden.

Gibt es kein ADS in Schweden?

Es ist bekannt, dass Schweden sehr gut in der Pisa-Studie abgeschnitten hat. Wie ist das zu erklären?
Das Schulsystem schaut dort ganz anders aus, wie hier im Schema ersichtlich.





90% der schwedischen Kinder gehen weiter auf das Gymnasium, 70% machen das Abitur.

Nur 30% der deutschen Schüler machen Abitur!!!!!!!!!!

Wie schaut es sonst so mit unserer Bildung aus? Haushaltskürzungen haben zu einer dramatischen Vergrößerung der Klassen geführt. Klassen mit 30, 35 und mehr Kindern machen es unmöglich, Verhaltensprobleme individuell zu behandeln, und führen dazu, dass die Schulverwaltungen und Lehrer nach schnellen Lösungen suchen. Darüber hinaus wurden durch Kürzungen bei Sonder-Erziehungsprogrammen die Mittel für pädagogische Berater, Spezialisten und Lehrer reduziert, die Schülern mit Problemen helfen könnten. Die Aufnahme von Schülern aus Sondererziehungsprogrammen in die normalen Klassen hat den sowieso schon überarbeiteten Lehrern eine noch größere Verantwortung auferlegt.

Lehrer sind Beamte. Soldaten und Polizisten sind auch Beamte. Soldaten und Polizisten bekommen alle zwei Jahre eine Beurteilung. Lehrer werden nie beurteilt. Sie können zwanzig Jahre und länger unterrichten, ohne das ihre Art und Weise zu Unterrichten in Frage gestellt wird oder in irgendeiner Weise beobachtet wird. Wir kennen doch alle noch aus unserer Schulzeit Lehrer, die die ganze Schulzeit hindurch, egal in welcher Klasse, verhasst waren oder immer belächelt und geärgert wurden. Wir alle hatten doch Lehrer, bei denen wir gute Zensuren oder schlechte bekamen, beim nächsten Lehrer im selben Fach dann wieder eine ganz andere Konstellation

Der Unterricht in Schweden ist viel kreativer gestaltet, die Schüler können sich ihre Lösungen selbst erarbeiten und brauchen auch nicht nur auf ihren Stühlen hocken und zuhören. Bemerkenswert ist auch, dass keine Unhruhe in den Klassen herrscht und es bemerkenswert ruhig ist, egal in welcher Altersstufe. Die Schüler sind motiviert und immer bei der Sache, obwohl die Schule erst um 18.30 Uhr endet!

Und noch etwas ist anzumerken: In Schweden ist Ritalin verboten!


Mit diesem Satz bin ich wohl einer Ente aufgesessen. Ich kann jetzt nicht mehr nachvollziehen, in welchem Buch ich es gelesen habe, dass in Schweden Ritalin verboten sei. Nach einem Hinweis im Forum von http://eigen-sinn.bei.t-online.de habe ich einen Bekannten, der oft in Schweden ist und fließend schwedisch spricht, darauf angesetzt. Hier nun seine Antwort:
Fakt ist, Ritalin ist in Schweden keinesegs verboten, da die Regelungen des europäischen Binnenmarktes vorsehen, dass jede Ware, die in einem EU-Land zugelassen ist, automatisch in anderen zugelassen ist. Dazu gehören auch Norwegen, Island und die dänischen Überseegebiete Färöer und Kalallit Nunaat, die zwar de jure nicht, aber de fakto der EU angehören.

Bei den Recherchen stecke ich, vermutlich mangels Datenbasis, fest. In stabilen, streng durchstrukturierten Gesellschaften wie den Skandinavischen sind die Probleme der labilen, US-amerikanisierten Gesellschaften reichlich unbekannt. Am Wochenende habe ich im Netz eine Satire im Dagbladet über das Burn-Out-Sydrom gelesen; der Autor hält ganz Deutschland für burned out.


In der Tat ist es aber so, dass die Vergabe von Ritalin in Schweden sehr streng gehandhabt wird und die Medikation für nur sehr kurze Zeit zur Unterstützung einer Therapie erlaubt ist.

Das kann aber nicht gleichbedeutend damit sein, dass es in Schweden keine Kinder mit ADS gibt. Was also, läuft bei uns verkehrt? Müssen wir unsere Kinder an unser Schulsystem und unsere Gesellschaft anpassen?

Diese Frage lasse ich offen, damit sie sich jeder selbst beantworten kann.

Bedrohte Kindheit
 
Fernsehen
Vitalstoffmangel als
Ursache?
Lernhilfe &
andere Hilfen
Brief an den Kinderarzt
Eigene Erfahrungen
Ein Zeitungsartikel
Startseite
  nach oben